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Das neue Bild des Ökumenischen Netzwerks Initiative Kirche von unten.

von Bernd Hans Göhrig


Bilder und Farben gestalten die Welt, in der wir leben und die wir uns bilden - strahlende Sonnentage, bunte Blätter im Herbst, grau in grau in kalten Städten oder buntsprühende Farben in der Lust der Liebe. Farben sind Musik: Paul Klee und Wassilij Kandinskij. Farben manipulieren, verändern, verkaufen Produkte und heilen Krankheiten. Es gibt unsichtbare Farben, für die wir nicht sensibel sind. Es gibt Traumbilder, die uns verfolgen. Es gibt Symbole, die Menschen verbünden und trennen.

Um ein neues Logo zu erklären, muss das bisher verwendete Bild nicht schlecht gemacht werden: Die Kirche in den Wolken, von kräftig anpackenden ChristInnen auf den Boden der Realität gezogen - dieses Bild enthielt 1980 eine wichtige Botschaft, inspiriert von der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung. Mehr als 20 Jahre sind seither vergangen, mehr als eine Welt zerbrach in diesen Jahren, mehr als eine Utopie wurde seither als Illusion entlarvt und musste geerdet werden.

Es waren vor allem die "jungen Gruppen" in der IKvu, die auf ein neues Bild drängten - ein Hinweis darauf, dass sich ein neues Selbstverständnis von dem entwickelt, was eine "Initiative Kirche von unten" heute ist, sein soll, sein muss, wenn sie in der Realität des Jahres 2004 aufrecht gehend erkennbar sein soll. Darum geht es sicher letztlich: Um eine aufrechte Haltung bezüglich gewisser Problemhorizonte, für die sich die Gruppen der IKvu verantwortlich fühlen - sei es die Diskriminierung von Flüchtlingen, von Frauen, von Lesben und Schwulen, von Armen oder von friedensliebenden Menschen ...

Diejenigen, die ein neues Bild suchten, erkannten sich nicht in den Ziehenden und Zerrenden unter der Wolke; der therapeutische Impetus, die - römische - Kirche gegen deren Willen zu heilen, ist ihnen fremd geworden. Sie sind vielmehr in der gelebten Spiritualität ihrer Gruppen - die längst selbstverständlich ökumenisch ist - selbst Kirche geworden, in einem einfachen Sinn. Dass Kirche von unten lebt, ist eine wichtige Voraussetzung dieser Entwicklung. Dass "Katholikentage von unten" stattfanden und eine IKvu seit nunmehr 24 Jahren existiert, hat das kirchliche Milieu in seinen Verbänden und Hierarchien beeinflusst, in seinen Strukturen, Diskussionen und Haltungen verändert, das ist nicht zu leugnen. All dies hat auch die IKvu verändert - wäre das nicht so, dann wäre da nur dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke (1 Kor 13) gewesen, ohne Liebe, denn liebloses Geschäft entwickelt (sich) nicht(s), ist leer und stirbt irgendwann ab.

Seit dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003, der selbst eine Zäsur darstellt, gibt es nun das neue Bild der IKvu. Es zeigt: Die Kirche von unten existiert, sie muss nicht erst irgendwann errungen, den Oberkirchen abgetrotzt werden. Nein, ganz anders: Von den Kleinen, Diskriminierten, Armen und Schwachen her lebt Kirche - die Beweislast liegt auf Seiten der Kirche von oben. Das scheint radikal, umstürzlerisch und ist doch nur konsequent realistisch. Als ob gesellschaftsverändernde Bewegungen von oben legitimiert würden - nicht "Wir sind Volk!" fegte 1989 eine Welt hinweg, sondern "Wir sind das Volk!" - der Artikel machte den Unterschied und öffnete ein erregend neues Zeitfenster.

 

Sieben Farben finden sich in dem neuen Bild der IKvu. Jede Farbe weist auf ein Eigenes hin - zusammen bilden sie die Farben des Regenbogens und zeigen: "einmütige Vielfalt in den verschiedenen Auseinandersetzungen, die soziale Bewegung aktuell führt", wie Hans Peter Hauschild 1990 schrieb. Der Regenbogen ist das alte Zeichen, das Jahwe in die Wolken setzte; der Regenbogen ist Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung; der Regenbogen steht für Widerstand gegen die Regierung Berlusconi und wurde von Italien ausgehend zum Fanal gegen die neuen Kriege der globalisierten Welt. Eine geheimnisvolle Faszination geht von diesem Zeichen aus, die offensichtlich ungezählte Menschen anrührt - nicht von ungefähr: eine mystische, eine spirituelle, eine lebendige Kraft.

Der Regenbogen ist das Lob der Differenz - nicht undifferenziert und naiv, sondern im engagierten Handeln geerdet: Blau - der Kampf gegen Waffen und Krieg, grün - für Leben inmitten der ökologischen Katastrophe, violett - für Gleichberechtigung von Mädchen und Frauen, gelb - gegen Rassismus in diesem Land und in der globalisierten Welt, orange - die Konflikte mit den Kirchenhierarchien und rosa - gegen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben. Das Bild wurde übrigens von Matthias Lipinski aus der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) entworfen, inspiriert von Hans Peter Hauschilds "Die Farben des Regenbogens" (siehe querblick 11, Oktober 2003).

Rot bezeichnet ökonomische Gerechtigkeit, den Nord-Süd- ebenso wie den Ost-West-Konflikt. Für Ernst Bloch war es der "rote Faden der Geschichte", der sich blutig durch die Zeit windet - nicht nur Fanal und Signal, sondern auch Schibboleth für das Leiden und Symbol: für das, worauf es hinweist und was es zugleich herausfordert - Handeln, Hoffen und Heilen. Deshalb findet sich der rote Faden in dem Bild der IKvu: Er kommt aus den Kämpfen der Geschichte her und zielt kühn auf das durch die Auferstehung Jesu Christi versprochene Heil.

Der italienische Schriftsteller Ignazio Silone (1900 - 1978), der sich selbst als "Sozialisten ohne Partei und Christ ohne Kirche" bezeichnete, zeigt in seiner Autobiographie "Notausgang" (1965) auf einfache Weise, wie diese Farben unser Leben, unsere Persönlichkeit prägen und wie wir durch unser Verhalten unsere Welt färben:

Meine Besuche im Vereinslokal blieben nicht unbeachtet und erregten bei den Leuten, die mich kannten, unangenehmes Aufsehen, da ich noch zur Schule ging und da meine Verwandten, ohne reich zu sein, für etwas Besseres galten als die Landarbeiter und Kleinbauern. Übrigens beschränkte ich meine Aktivität bei dem Verband auf das Schreiben von Protestbriefen an die Obrigkeit, zuweilen sogar nach Rom, wobei ich jedes Mal, nachdem Lazzaro mir den Fall genau auseinandergesetzt hatte, eine ganze Reihe von Entwürfen anfertigen musste, bis wir zu einer zufriedenstellenden Formulierung gelangten.

Eines Tages nahm ein Schulkamerad mich beiseite und sagte mir, es würde darüber geredet, dass ich "ein Roter" geworden sei.
"Unsinn", sagte ich. "Ich bin ja nicht in der Färberei gewesen."
Aber bei unserer nächsten Begegnung erzählte ich es Lazzaro.
"Manche Leute sagen", berichtete ich ihm, "ich sei jetzt auch ein Roter."
Wie es seine Gewohnheit war, antwortete Lazzaro nicht sofort.
"Ich habe gar nicht das Gefühl, in einer neuen Haut zu stecken", fügte ich noch hinzu.
"Was die Farbe anbetrifft", sagte Lazzaro endlich, "so glaube ich, dass es beim Menschen ähnlich ist wie beim Wasser. Wenn du ein Glas Wasser nimmst, so siehst du, dass es keine Farbe hat. Aber eine große Menge Wasser, ein großer Fluss, ein See, das Meer, nimmt wohl eine Farbe an."
"Das liegt am Himmel", erlaubte ich mir zu bemerken.
"Ja, das liegt am Himmel", bestätigte er. Auf die gleiche Weise ist jeder von uns, wenn er allein ist, wie ein Glas Wasser. Woher können wir eine Farbe bekommen?"
"Durch die Masse?", fragte ich.
"Nein, eine Masse Schafe bleibt immer eine Masse Schafe. Und wir sind hier kaum drei oder vier Leute."
"Aber wodurch sonst?", fragte ich.
"Wo immer wir zusammen sind, hat er versprochen, mit uns zu sein", sagte Lazzaro und wies auf den Christus im roten Gewand.

 

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Der Text wurde zuerst veröffentlicht im Querblick 12, Mai 2004