Predigt von Dorothee Sölle

"Mehr essen beim Abendmahl ... und mehr beten beim Essen!"

Predigt bei der Ökumenischen Mahlfeier der IKvu

Katholikentag 2000 in Hamburg

 

Liebe Geschwister,

 

ich möchte mit einer persönlichen Erinnerung beginnen, die lange zurück liegt und meine ersten Erfahrungen mit dem gemeinsamen Abendmahl betrifft. In der Zeit des Politischen Nachtgebets in Köln (1966 bis 1972) war es bei uns Sitte, dass wir im inneren Kreis oft am Sonntag in den Gottesdienst gingen, gemeinsam mal zum katholischen, mal zum evangelischen. Es war selbstverständlich, dass wir an der Mahlfeier, der Eucharistie, teilnahmen, auch die Priester und Pfarrer duldeten das. Wir haben nie konfessionelle Schwierigkeiten empfunden.

 

Nach zwei Jahren der gemeinsamen Arbeit machten wir eine Tagung, um den größer gewordenen Kreis von etwa 60 Menschen besser kennen zu lernen. Es gab ein langes Vorstellgespräch mit erstaunlichen Überraschungen: "Ach, von Dir dachte ich immer, Du wärst evangelisch! Du - katholisch?" Oder umgekehrt. Es wurde uns immer klarer, dass die Trennungen des 16. Jahrhunderts nicht mehr unsere waren. Bei dieser Tagung feierten wir einen Gottesdienst mit gemeinsamem Abendmahl. Danach fragte eine Freundin, die katholische Journalistin Wilma Sturm, ob sie denn morgen am Sonntag noch zur Messe müsse. Viele von uns, ich auch, konnten diese Frage gar nicht verstehen. Wir hatten doch Christus miteinander geteilt!

 

Was uns ökumenisch gemeinsam ist - der Glaube an die gute Schöpfung Gottes, die Orientierung an den Benachteiligten, den Verlierern als den Lieblingskindern Gottes, die Nachfolge Christi in einer schwierigen und verwirrenden Welt, der Geist, der uns hilft, all das ist uns unendlich viel mehr und gewichtiger als das, was im Verständnis von Bibel, Sakrament und Amt noch trennt. In der entstehenden Praxis des Glaubens und Handelns war für uns die Trennung längst überwunden. Befreiende Theologie ist nicht nur katholisch oder protestantisch! Genau das empfinde ich auch heute, das gelebte Christentum in den Friedensgebeten, in der Erlassjahrkampagne, in der Zusammenarbeit für die Menschenrechte der Textilsklavinnen fragt nicht mehr  nach dem traditionellen konfessionellen und dogmatischen Verständnis, und wenn vorsichtige Zögerer uns warnen und sagen "wir sind noch nicht so weit", so machen wir uns selber unglaubwürdig, wenn wir uns darauf einlassen.

 

Die Hinhaltetaktik von oben verleugnet den, der uns das Einssein in ihm zuspricht, wir haben es gerade gehört: "Alle sollen eins sein. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns eins sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast". Die Frage nach der Interkommunion interessiert heute außer Bischöfen und Theologieprofessoren keinen Menschen mehr, wir haben ernsthaftere Fragen zu stellen und zu lösen, z.B. die, wie wir als Christinnen und Christen mit der Globalisierung von oben und der darin angelegten Entmachtung aller sozialen und ökologischen Rechtsvorschriften umgehen.

 

Auch die Theologie des Abendmahls hat sich verändert. Die Eucharistie sollten wir, das haben Frauen in den letzten Jahren an vielen Stellen angemahnt, wieder mit seinem Ursprung im jüdischen Gemeinschaftsmahl verbinden, es ist ein Mahl zum Sattwerden und nicht nur eine Symbolhandlung. Auf dem Kirchentag in Stuttgart wurde die Parole formuliert "Mehr essen beim Abendmahl und mehr beten beim Essen." Es ist wichtig, dass das Abendmahl eine integrative Funktion hat und Randgruppen wie Obdachlose einbezieht, es hat was mit geteilter Freude zu tun. Der Brotsegen und der Bechersegen sind Segenshandlungen, in denen der Leib Christi geteilt wird. Und das Essen ist nicht einfach Nahrungsaufnahme, sondern immer auch ein Stück Selbstunterbrechung in Erinnerung an die Schöpfung, die wir zu loben lernen können.

 

Der Ritus hat etwas mit der Freude am Essen zu tun, ich betone das gegen die protestantische Tradition, die oft durch eine falsche Sündenideologie, ihre angstvolle Trauer und den ihr eigenen Individualismus geprägt ist. Wir haben noch viel zu tun, aber "wir decken schon mal den Tisch" und erinnern uns, dass die Privilegien der Satten von Paulus und der ursprünglichen Jesus-Gemeinschaft nicht geduldet wurden: die Gerechtigkeit ist nicht nur eine Sache der Einzelnen. Sie gehört ins Herz der Jesus-Gemeinschaft. Sie soll in unserer gemeinsamen Zelebration aufleuchten.

 

Ich denke, dass wir alle nicht ganz zu Hause sind in der Kirche, in der wir leben. Wirkliche Kirche braucht immer Visionen, Aufbruch, das Volk Gottes wandert, es hockt nicht in römischen Palästen. Ecclesia semper reformanda. Die Vielfalt von Ritualen, Sprachen und symbolischen Gesten ist ein Reichtum, von dem wir nur lernen können. Im Protestantismus gibt es zur Zeit ein massives Nachholbedürfnis nach Sinnlichkeit, Farben, Düften, Bewegungen. Menschen sehnen sich nach einem sinnlich sichtbaren, nicht allein auf das Wort bezogenen Glauben. Gott ist immer größer als unser Herz, und sicher größer als unsere Kirchenleitungen und unsere Theologien. Das Einssein in und mit Christus ist uns versprochen, kein Amt kann das stehlen und für sich beanspruchen.

 

Ich möchte Euch eine Enkelgeschichte erzählen, die mir viel bedeutet. Das dreieinhalbjährige Kind holt sich Porzellantassen aus dem Regal und baut sich unter meinen besorgten Augen ein Café auf. Es schenkt imaginären Kaffe an imaginäre Gäste aus. Nach einer Weile sagt seine Mutter, jetzt sei Zeit zum Essen und es solle aufräumen. Das Kind antwortet, ohne Trotz, aber mit deutlich kritischem Erstaunen: "Mama, du denkst immer nur in echt". Dieser verrückte Satz hilft mir, die Tradition etwas besser zu verstehen. Auch sie denkt auf zwei Ebenen, die eine ist die der beobachteten erfahrbaren Realität, die Ebene des "in echt". Die Ebene der Institution, ihrer Regeln und Gewohnheiten. Sie hat Angst vor Veränderungen, Angst davor, dass Gott sich an vielen Stellen versteckt und auf uns wartet. Die andere Ebene ist die, die wir brauchen und suchen, die wir erproben können. Man nennt sie auch Transzendenz. Lasst uns nicht im Echten stecken bleiben. Liebe Geschwister, wir brauchen Transzendenz! 

 

Mein Gefühl sagt mir, dass wir vielleicht keine Zeit mehr haben, auf die lahmen Entenfüße der Institutionen zu warten. Der Niedergang der christlichen Tradition ist zu bedrohlich. Ich schließe mit einem neuen Lied, das 1989 in der früheren DDR entstanden ist, es könnte uns mehr Mut machen, als wir oft haben:

 

"Vertraut den neuen Wegen
und wandert in die Zeit,
Gott will, dass ihr ein Segen
für seine Erde seid.
Der uns in frühen Zeiten
das Leben eingehaucht,
der wird uns dahin leiten,
wo er uns will und braucht.

Vertraut den neuen Wegen,
auf die uns Gott gesandt!
Er selbst kommt uns entgegen,
die Zukunft ist sein Land.
Wer aufbricht, der kann hoffen,
in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen.
Das Land ist hell und weit."

(EKG 395)

 

AMEN.